Herrn Schröders Gespür für Schnee

Wetterhäuschen

Foto: Fotolia/grossimov

Wie wird's Wetter morgen? Eine Frage, auf die nicht nur die Wettermenschen im Fernsehen eine Antwort haben.

Wie wird das Wetter morgen? Was täglich fast jeden interessiert, weiß André Schröder ganz genau. Er ist Hobby-Meteorologe, seine Wetterstation im Garten liefert ihm seit sieben Jahren ununterbrochen Daten. Er will noch Jahrzehnte weitermessen, den Klimawandel selbst abbilden. Und zwischendurch sagt er, wie das Wetter morgen wird.

Autor Karola Kallweit

ist freie Journalistin in Berlin, Frankfurt und Helsinki. Sie schreibt als Reporterin für evangelisch.de.

Da der Taunushang viele Regenwolken bereits vor den Stadtgrenze abfängt, die aus aus Nordwest kommen, ist das Wetter in Oberursel meist etwas schöner, als es für die Region vorausgesagt wird. Man nennt es das "Orscheler Sonnenloch", das heißt das Loch in den Wolken, die ringsumher die Sonne verdecken – nur nicht in Oberursel.

"Heute morgen um 8.30 hat es 4,7 Grad Celsius gehabt, im Moment hat es 6,8 Grad, die Sonne scheint, am Nachmittag wird es bewölkt sein und um 17 Uhr gibt es Regen … also wahrscheinlich wird es gar nicht regnen." André Schröder blickt gebannt auf den Bildschirm. Auf die Kurvenverläufe, die den Wind, die Sonnenstunden und den Niederschlag in Tages-, Wochen- oder Monatsansicht anzeigen. Unterschiedliche Karten die vor Farben und Linien wimmeln. "Wie wenn man einen Netzfahrplan von der Bahn liest." André Schröder lächelt und dann entschuldigt er sich für den Kabelsalat unter dem Schreibtisch.

Das Wetter gibt's kostenlos, die Beobachtung nicht

André Schröder ist Hobbymeteorologe. Oder Datensammler, wie er es selbst nennt. Denn darum geht es: Daten sammeln, um die Geschichte des lokalen Wetters zu erstellen. Seit November 2005, seit er in die Ausläufer des Taunus nach Oberursel gezogen ist, sammelt er die Wetterdaten hinter seinem Haus. Alle zehn Minuten ruft der mit 7 Watt betriebene Minicomputer die Daten von seiner eigenen kleinen Wetterstation im Garten ab, die aussieht wie ein Vogelhäuschen. Daten zu Windstärke, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Niederschlag. "Funkübertragung, da muss man gar nichts mehr selbst machen", sagt Schröder ganz begeistert.

André Schröder und seine Wetterstation. Foto: Karola Kallweit

Neben seiner Passion ist der 36 Jährige eigentlich Banker, verheiratet und hat drei kleine Söhne. Mitten in das Gespräch über die Familie und das Wetter platzt die Türklingel - die Zeugen Jehovas. Schröder spricht es engelisch aus, die "Zeugen Jehovies". Ihre Botschaft will er nicht hören: "Ich bleib lieber bei den irdischen Sachen. Die kosten zwar was, aber da weiß ich wenigstens, was ich hab."

Für die Technik zur Beobachtung von Wind, Niederschlag und Sonnenschein gibt der Hobby-Meteorologe gerne Geld aus, auch wenn das Wetter selbst erst mal nichts kostet. Er ist bei weitem nicht der einzige: Es gibt Vereine, Internetforen, sogar Wettbewerbe. Und allen Beteiligten ist der Wunsch gemeinsam, das Wetter richtig vorherzusagen und es zu verstehen. In manchen Internetforen finden sich dutzende Posts zur aktuellen Wetterlage - von einer einzigen Person. Jede noch so kleine Veränderung wird sofort online an die Welt vermittelt. Fast gewinnt man den Eindruck, dass hier nichts mehr dem Zufall überlassen bleibt: Der Mensch macht sich sein Wetter selbst. Schröder kennt die Foren, kennt die Vereine. Aber Mitglied ist er nirgends. Er nennt sich einen stillen Leser.

Ein schmales Grad

Die Stille des leise rieselnden Niederschlags machte André Schröder erst zum Wetterbeobachter. Er liebt den Schnee. Über den Schnee ist er zum Datensammler geworden. Der Blick zum Winterhimmel ist für ihn bis heute das spannendste an seinem Hobby. Als Kind konnte er es kaum abwarten, dass die ersten Flocken zuhause im sachsenanhaltischen Bernburg fielen. Nur wollte er im Gegensatz zu seinen Freunden den Zeitpunkt genauer bestimmen.

Der Vater, zu DDR-Zeiten in der Getreideforschung tätig, habe ihm dann so einen Thermographen [7] "abgeknipst". Von der Produktion, die hatten so viele. "Der hat das organisiert!" sagt Schröder mit halb ernst gemeinter Vehemenz.

Bernburg liegt inmitten des Mitteldeutschen Trockengebietes im Regenschatten des Harzes und ist dem Klimaraum des östlichen Harzvorlandes zugeordnet, dem trockensten Gebiet Deutschlands. Die durchschnittliche Lufttemperatur in Bernburg beträgt 9,2 °C, der jährliche Niederschlag 469 Millimeter.

"Manchmal hängt es an einem einzigen Grad", sagt Schröder. "Das entscheidet dann über Schnee oder keinen Schnee." Die falsche Vorhersage wird immer schwieriger, weil die Technik immer besser wird, die Modelle immer genauer werden. Während früher nur einige wenige Eingeweihte beim Radio oder im Fernsehen Bescheid wussten, kann heute jeder das Wetter vorhersagen. Ein Klick genügt und das Geheimnis ist gelüftet. Der unbestimmbare Moment, er wird immer seltener: "Man ist gefangen in seinem Wissen. Wenn sich alle freuen, dass der Weiher zufriert und man selbst schon weiß, dass das Tauwetter bereits morgen kommt, muss man damit schon umgehen können." Bisweilen wünscht sich André Schröder dann, dass das Wetter anders wird als vorhergesagt.

Sein spezielles Wissen unterscheidet den Wetterbeobachter von "denen da draußen", den normalen Menschen. Die würden ein Regensymbol sehen und dann denken, dass es den ganzen Tag regnet. Und wenn es im Sommer zwei Wochen mal geregnet hat, dann würden sie glauben, es habe keinen Sommer gegeben, dabei war der Sommer ganz normal. Für ein vollständiges Bild müsse man doch immer alles in der Gesamtheit betrachten.

Die Angst vor der Datenlücke

Mit dem Thermographen fing André Schröder als 12-jähriger an, das Wetter zu messen. Im Winter immer in der Hoffnung auf den ersten Schnee. Er habe sich das alles selbst beigebracht, Versuch und Irrtum, Bücher lesen war seine Sache nicht. Beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach hatte er sich auf einen Job beworben, aber damals waren seine Mathenoten nicht gut genug. Das war noch, bevor Wetter modern wurde, bevor Wetterfrösche wie Kachelmann ein mediales Ereignis aus der Vorhersage machten. Geärgert habe ihn das jedenfalls nicht. Versuch und Irrtum eben, immer dasselbe. Der ewige Wechsel von Tiefdruckgebieten und Hochdruckgebieten.

Das Technische, "das Grüne", wie Schröder sagt, das habe er von seinem Vater. Der hat für die Forschung kleine Parzellen beackert, Saatgut gepflanzt und hochgezogen, neue Sorten gezüchtet. Himmel und Erde liegen bei den Schröders in der Hand von Vater und Sohn. Kürzlich hat er sich für viel Geld Software und Receiver neu angeschafft. Er hat nur ein System, anders als viele seiner Hobby-Kollegen. Aber Schröder sagt, er habe bisher Glück gehabt, die Geräte seien noch nie ausgefallen. Denn das ist das Schlimmste für jeden Hobbymeteorologen: Der Komplettausfall, die Datenlücke. Und lückenlose Daten sind wichtig, sie sind der Schlüssel zum großen Wettergeheimnis: dem  Klimawandel.

Oberursel ist nicht die Antarktis

Schröder hat schon als Teenager in Fachjournalen vom Treibhauseffekt gelesen. Heute heißt es Klimawandel, gemeint ist das gleiche. Die Sprüche dazu kennt er alle, solche Sprüche wie: "Wo bleibt denn der Klimawandel, dann wir es endlich wärmer bei uns?" So funktioniert das Wetter aber nicht, erklärt er dann. Klima ist nicht Wetter.

Das kommende Wetter kann man genau wissen, das Klima nicht, das sieht man immer erst hinterher: "Sonnenaktivität und Eiszeiten. Diese Prozesse sind vielleicht das einzig wirklich Unvorhersehbare am Wetter." Alles andere kann man vorhersagen, messen, überprüfen. Zum Zweck seiner Privatforschung, sagt er, will Andre Schröder immer weiter Daten sammeln. "Und dann kann ich in 20, 30 Jahren selbst sehen, was passiert ist - an meinem eigenen Wohnort den Klimawandel nachvollziehen."

Am deutlichsten sieht man die Veränderungen des Klimas an den Polen, in der Arktis oder der Antarktis. Von der Antarktis, einer Insel mit eigenem Klima, kann Schröder ins Schwärmen kommen: "Das ist jetzt nicht Oberursel, aber es interessiert einen ja trotzdem." Der leuchtende Bildschirm zeigt weiter Kurvenverläufe an und ruft brav die Daten ab. Für Oberursel, nicht die Antarktis. "Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine schöne Restwoche. Hochdrucks sind beständiger als Tiefdrucks. Das gibt einen richtig schönen Altweibersommer", liest Schröder aus den Linien ab. "Man sieht hier keine Niederschläge. Das ist sehr interessant, keine Niederschläge!" Er zeigt auf die Kurven und erklärt, dass jeder einzelne Modellverlauf genau dieses Wetter vorhersagt. Keine Unsicherheiten. In den Daten steht alles, was man wissen muss.

 

06.01.2012

Ein meteorologischer Extremist

Orkan „Andrea“ ließ gestern so manchen Schirm seine Form verändern – wie hier zwischen Eschbach und Usingen.Orkan „Andrea“ ließ gestern so manchen Schirm seine Form verändern – wie hier zwischen Eschbach und Usingen.

Von Klaus Späne

Orkan "Ulli" pfeift um die Wohnung in der oberen Etage eines schönen Altbaus in Oberursel. Es ist die passende Begleitmusik zum Gespräch mit André Schröder, der hier gegenüber der Grundschule Mitte mit seiner Familie wohnt und auch in seinem Zuhause auf Tuchfühlung mit dem Geschehen draußen steht. Dafür sorgt ein kleines Gerät auf dem Fenstersims, das ihn alle 15 Minuten mit den neuesten Wetterdaten beliefert. Es handelt sich um ein Interface, das mit einer vollautomatischen Wetterstation verbunden ist, die in der Nähe des Maasgrunds steht und Messwerte zu Temperatur, Luftdruck, Niederschlag, Sonnenschein oder Windstärke liefert, die Schröder auf seinem PC auswertet. 

Insofern dürfte 2011 für den 35-Jährigen spannend gewesen sein. Von einem "extremen Jahr" spricht der Hobbymeteorologe, vor allem in Sachen fehlende Niederschläge. "Wir hatten zwei extreme Trockenperioden", bilanziert er: Frühling und Herbst, sprich März bis Mai, und Oktober sowie November. Im Frühling etwa verzeichnete Schröder nur 59 Millimeter Niederschlag – und das in einer Phase, in der die Vegetation erwacht. "Das Mittel für die drei Monate wäre 176 Millimeter", verdeutlicht er den Ausschlag nach unten. 

 

Fast eine Katastrophe



Den absoluten Negativrekord in Sachen Regen gab es im November mit schlappen zwei Millimetern, und das in einem Monat, in dem das Mittel um die 80 Millimeter beträgt. "Vom trockensten November seit Aufzeichnungsbeginn" sprach der Deutsche Wetterdienst in seinem Jahresrückblick. Dem gegenüber stand der Dezember, der laut Schröder "sehr viel rausgeholt hat". 177,6 Millimeter schüttete es, 94 Prozent mehr als gewöhnlich, was den Dezember zum niederschlagreichsten Monats 2011 machte. Insgesamt verzeichnete Schröder im ganzen Jahr 746 Millimeteter Regen, fünf Prozent über dem Jahresmittel. 

Auf ein anderes Phänomen macht Rolf Friderici, passionierter Meteorologe aus Gonzenheim, aufmerksam: die Schneelawine, die uns zwischen Dezember 2010 und Januar 2011 überrollte. "Wir waren am Rande einer Katastrophe", erinnert sich der 78-Jährige, der seit 30 Jahren handschriftlich Buch übers Wetter führt. "Hätten wir die Niederschläge im Dezember 2011 als Schnee bekommen, wären wir darin versunken", fügt er im Hinblick auf das "spitzenmäßig nasse" Jahresende hinzu. 

Aber noch einmal zurück zu den anderen Phänomenen. So gehörte 2011 laut Deutschem Wetterdienst mit einer Jahresmitteltemperatur von 9,6 Grad Celsius zu den fünf wärmsten Jahren seit 1881. Das spiegelt sich auch in den Aufzeichnungen von André Schröder wider. Um 1,3 Grad sei das zurückliegende Jahr wärmer als üblich gewesen. Bis auf den Juli habe es keinen Monat gegeben, der kühler als der Durchschnitt gewesen sei, sagt er. Herausragend in seiner Jahrestabelle war der April, der 3,75 Grad wärmer als gewohnt war. Insgesamt verzeichnete Schröder ganze 63 Sonnentage, einen mehr als im Jahr 2006 mit seinem Hitze-Juli. Besonders auffällig war dies im November, in dem der Oberurseler 216 Prozent mehr Sonnenschein als für diesen Monat üblich konstatierte. "Normal wären 47,5 Stunden gewesen, tatsächlich waren es 102 Stunden." 

Normale Stürme



Und was meint Schröder zum aktuellen Orkanwetter? "Ein natürlicher Vorgang und normal für die Jahreszeit." In den vergangenen sechs Jahren sei zu erkennen gewesen, dass sich in diesem Monat wechselhaftes Wetter einstelle. Das habe sich jetzt wieder gezeigt. Auch in der kommenden Zeit rechne er mit einem Wechsel zwischen kurzen wärmeren und kühleren Phasen. In Tieflagen könne es auch mal schneien. "Vielleicht bekommen wir noch einen halben Monat oder einen Monat Winter", spekuliert Schröder vorsichtig. In den vergangenen Jahren habe es immer einen solche Periode gegeben. Und eigentlich sei dieses Jahr der Februar an der Reihe. Wenn man mich fragt, haben wir einen Klimawandel, würde ich es schon so sehen", sagt Schröder.

 

 
   
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